Gekrönte Häupter
Unser Königspaar Tim I. und Johanna Weitz
Ein Königsjahr mit HeimatHerz - sie stehen für ein Schützenkönigtum, das persönliche Geschichte, Familie und gelebte Verantwortung verbindet - für den BSV und für die Menschen in Wevelinghoven.
Eine ganze Urlaubswoche für das Schützenfest? Johanna Weitz konnte mit dieser Vorstellung anfangs wenig anfangen. In ihrer Solinger Familie gab es keine Schützentradition, und manches, was für Tim selbstverständlich war, erschien ihr zunächst wie ziemlich viel Aufwand für ein paar Festtage. Heute trägt sie an seiner Seite die Königswürde des BSV Wevelinghoven. Dazwischen liegt keine plötzliche Kehrtwende, sondern eine Geschichte des Ankommens - bei den Menschen des Jägerzuges Ever Jrön, im Verein und schließlich in der Gartenstadt selbst.
Der entscheidende Moment war für Johanna eine Zugkönigskrönung. Dort erlebte sie, dass hinter Uniformen und Ritualen eine Gemeinschaft steht, in der mehrere Generationen zusammen feiern, Verantwortung übernehmen und im Alltag füreinander da sind. Aus anfänglicher Skepsis wurde echte Verbundenheit. Wie ernst es ihr damit war, zeigte sich später bei einem Arbeitgeberwechsel: Die freien Tage für das Wevelinghovener Schützenfest klärte sie bereits vor dem Einstieg. Das Fest war längst nicht mehr nur Tims Sache, sondern Teil des gemeinsamen Lebens geworden.
Für Tim reicht diese Verbindung bis in die Kindheit zurück. Er wuchs in Frimmersdorf auf und begegnete dem Schützenwesen bereits im Kindergartenalter. Rund zehn Jahre marschierte er später bei den Gebirgsjägern in der Grevenbroicher Südstadt. Als ihn ein Freund 2009 zum Wevelinghovener Schützenfest und zum Jägerzug Ever Jrön mitnahm, war eine eigentlich geplante Schützenpause schnell beendet. Tim blieb - und übernahm Verantwortung. Dreizehn Jahre führte er den Zug, bevor er das Amt 2023 bewusst an die nächste Generation weitergab.
Wie viel ihm diese Gemeinschaft bedeutet, trägt er sichtbar auf dem Unterarm: das Wappen des BSV und den Namen seines Zuges. Auf beruflichen Reisen wird das Tattoo immer wieder zum Gesprächsanlass. Dann erklärt Tim Menschen außerhalb des Rheinlands, warum Schützenwesen weit mehr ist als Marschieren und Feiern. Ever Jrön bezeichnet er als seine "zweite Familie". Der Zug, in dem Jung und Alt selbstverständlich zusammengehören, steht zugleich beispielhaft für das Verständnis von Gemeinschaft, das Tim und Johanna durch ihr Königsjahr getragen hat.
Auch ihr gemeinsamer Weg führte Schritt für Schritt nach Wevelinghoven. Kennengelernt haben sich beide beim damaligen gemeinsamen Arbeitgeber O2; bei einer Betriebsfeier wurde aus der Bekanntschaft mehr. Nach gemeinsamen Jahren in Solingen, der Hochzeit 2015 und einer Station in Elsen suchten sie ganz bewusst ein Zuhause in der Gartenstadt. Statt des erhofften alten Hauses wurde es ein Rohbau, dessen Innenausbau sie nach eigenen Vorstellungen gestalteten - während Johanna mit Sohn Toni hochschwanger war. Aus einem Haus wurde ein Lebensmittelpunkt, aus dem neuen Wohnort Heimat.
Familie und Schützenwesen lassen sich in der Familie Weitz deshalb kaum voneinander trennen. Sohn Toni wurde schon kurz nach seiner Geburt beim BSV angemeldet und marschiert inzwischen bei den Edelknaben. Bei der Krönung seiner Eltern stand er in Uniform dabei und machte sichtbar, dass Tradition dann Zukunft hat, wenn Kinder sie als etwas Lebendiges erfahren. Auch Tims Tochter Alicia gehört zur Familie, die dieses intensive Jahr mitgetragen hat. Denn ein Königsamt betrifft nie nur zwei Menschen: Termine, Beruf und Familienalltag müssen miteinander vereinbart werden, und vieles gelingt nur, weil Angehörige, Freunde und Zugkameraden mitziehen.
Der Wunsch, selbst einmal Schützenkönig zu werden, war bei Tim schon länger vorhanden. Eine schwere Erkrankung im Jubiläumsjahr 2024 gab ihm eine neue Dringlichkeit. Weil er nicht mitmarschieren konnte, erlebte er das Regiment aus der Festkutsche - und sah das Schützenfest noch einmal aus einer anderen Perspektive. Johanna bestärkte ihn, den lange gehegten Traum nicht weiter aufzuschieben. Am 5. Juli 2025 trat Tim als einziger Bewerber an. Mit dem 50. Schuss fiel der Vogel. Als Familie, Zug und Regiment das neue Kronprinzenpaar anschließend nach Hause begleiteten, wurde bereits deutlich: Dieses Amt würde eine Gemeinschaftsleistung.
Mit der Krönung am 26. August 2025 übernahmen Tim I. und Johanna dann nicht nur Königssilber und repräsentative Aufgaben. Sie übernahmen die Verantwortung, den BSV bei vielen Begegnungen sichtbar zu vertreten, Menschen zusammenzubringen und das Schützenwesen verständlich zu machen. Im Vereins-Podcast sprachen sie offen über Tradition, Ehrenamt und die Anforderungen des Amts. Auch bei öffentlichen Anlässen in Wevelinghoven standen sie für den Verein. Dabei blieb ihr Auftreten nicht auf die festlichen Momente beschränkt. Entscheidend war für beide die Frage, was sie mit der Aufmerksamkeit ihres Königsjahres für ihre Stadt bewirken konnten.
Die deutlichste Antwort darauf trägt den Namen "HeimatHerz Wevelinghoven". Schon nach dem Königsschuss hatten Tim und Johanna angekündigt, der Gartenstadt etwas zurückgeben zu wollen. Am 23. Dezember 2025 luden sie deshalb im Pfarrheim St. Martinus zu einer offenen Weihnachtsfeier ein. Gedacht war sie für Menschen, die das Weihnachtsfest sonst allein verbringen müssten oder gerade eine schwierige Zeit erlebten. Gemeinsames Essen, kleine Geschenke und vor allem Gesellschaft machten aus einem oft gebrauchten Wort konkrete Praxis: Gemeinschaft. "HeimatHerz" war damit kein Begleitprogramm der Regentschaft, sondern ihr inhaltlicher Mittelpunkt.
Darin zeigt sich ein modernes Verständnis der Königswürde. Sie schafft Aufmerksamkeit, aber diese Aufmerksamkeit ist kein Selbstzweck. Tim und Johanna nutzten sie, um den Blick über den eigenen Zug und den Verein hinaus auf Menschen in Wevelinghoven zu richten. Verantwortung für das Brauchtum bedeutete für sie deshalb auch Verantwortung für die Stadt, in der dieses Brauchtum lebt. Genau an dieser Stelle verbinden sich persönliche Nähe und repräsentatives Amt: Aus Gastfreundschaft wird Teilhabe, aus Repräsentation eine Einladung.
Einen besonderen sportlichen Höhepunkt brachte der Juni 2026. Beim Kaiserschießen des BSV Orken setzte sich Tim gegen Schützenkönige aus der Umgebung durch; mit dem 67. Schuss fiel der Vogel. Nach Angaben aus dem Vereinsumfeld war er damit der erste amtierende Wevelinghovener Schützenkönig, dem dort auch die Kaiserwürde gelang. Der Titel passt als glänzender Zusatz zu einem außergewöhnlichen Jahr. Er ist aber nicht das, worauf dessen Bedeutung allein beruht.
Wenn Tim I. und Johanna am Schützenfestdienstag die Insignien an Rainer und Meike Korbmacher weitergeben, endet ihre Regentschaft. Was bleibt, lässt sich nicht nur in Orden, Bildern und Terminen messen. Es bleibt die Geschichte einer Frau, die von außen auf das Schützenwesen blickte und darin eine Gemeinschaft fand. Es bleibt die Geschichte eines Mannes, der seit seiner Kindheit im Brauchtum verwurzelt ist und Verantwortung weitergibt. Es bleibt eine Familie, in der mit Toni schon die nächste Generation mitmarschiert. Und es bleibt "HeimatHerz" als Erinnerung daran, dass ein Königsjahr dann besonders wertvoll ist, wenn es nicht nur gefeiert, sondern für andere Menschen genutzt wird.
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